Bassano tief gefroren [19. - 26. Februar 2011] Drucken
Geschrieben von: Andreas F.   
Montag, den 07. März 2011 um 21:38 Uhr

Teilnehmer v.l. stehend :
Andreas F. (Bericht), Silke, Michi, Winni, Lorenz, Michael S., Markus R., Gerd, Andreas R., Ewald (TO), Reinhold, Wolfgang, Albrecht

Teilnehmer v.l. sitzend :
Siggi, Hermann, Markus L. (Bus Manager), Bodo, Tanja, Martin H., Martin S.

Nicht auf dem Bild : Tomas, Patrick


Der Milchschaum des Cappuccino ist perfekt. Nicht zu heiß, nicht zu kalt, nicht zu steif und nicht grobporig. So richtiger Schaum ist es eigentlich auch gar nicht. Mehr eine sehr zähflüssige, cremige Milchmasse. Beim Umrühren vermischt sie sich mit dem tiefdunklen Espresso-Kaffee, der runde, dunkle Spuren im perfekten Weiß des Milchschaums zeichnet. Der Zucker versinkt, wenn auch nur sehr zäh in dem Getränk und beim Ansetzen steigt der aromatische, starke Espressoduft in die Nase. Ein Cappuccino wie man ihn nur in Italien bekommt...

Ist dies der einzige Grund, der 23 Gleitschirmflieger des 1. PCS den Alpenhauptkamm queren und im Februar die Fahrt an den Südalpenrand, genauer nach Bassano, auf sich nehmen lässt? Was machst Du im Urlaub, Skifahren? werde ich auf der Arbeit oftmals gefragt. Ungläubige Augen mustern mich als ich erwähne, dass man Ende Februar schon sehr passabel fliegen kann, dort unten am Ende der Alpen. Es ist schon Freitagnachmittag und bereits viel zu spät. Die Vereinskameraden sind sicherlich längst angekommen und machen sich so langsam auf, die erste Pizza zu genießen. Also schnell die letzten Arbeiten abschließen, nach Hause eilen, die letzten Sachen packen und nichts wie über den Brenner nach Venetien. Hinter München staut es etwas, wegen Schneeregen. Spätestens ab Trento ist man etwas ruhiger und die Gedanken kreisen nur noch um den Wetterbericht für die kommende Woche. Mit Nordwind und -föhn sind die Südalpen fliegerisch sehr viel besser planbar, steht dort. Die Aufregung steigt, nur noch ein paar Kilometer um nicht zu spät in der Nacht anzukommen, schließlich soll es morgen bereits gut fliegbar sein...

Zunächst ist der erste Treff nach dem gemeinsamen Frühstück am Samstag beim Anstehen im Shop der Flugschule. Aber nicht etwa, um der Flugausrüstung das letzte benötigte Accessoire zu kalten Winter-Thermikflügen hinzuzufügen, zumindest nicht ausschließlich. Vielmehr ist das Besorgen der Fly-Card das Ansinnen, weshalb die Menschenmenge mit ungeduldig scharrenden Hufen den Shop belagert. Denn draußen strahlt schließlich der blaue Himmel und weckt große Erwartungen auf den ersten Flugtag. Zu Recht, wie sich schnell herausstellt.

Schon um die Mittagszeit, endlich sind alle Teilnehmer in mehreren Fahrten auf den Berg verfrachtet, lüften die Ersten ihre Gleitschirme in der Bassano-Winter-Thermik. Nach z.T. monatelanger Abstinenz zweifellos für Mensch und Material eine Wohltat. Noch immer muss ich innerlich grinsen beim ungläubigen Gesicht meiner Kollegen. Ohne Frage, hier kann man Fliegen um diese Jahreszeit. Und wie! Dies sollte aber das letzte Mal in dieser Woche sein, einen Gedanken an das zu verschwenden, was man fluchtartig auf der Nordseite zurückgelassen hat. Bei zwar niedriger Basishöhe an diesem Tag, dank einer Inversion kaum höher als Startplatzniveau, kamen aber doch insgesamt mehrere Stunden Flugzeit zusammen. Der ideale Start in einen Urlaub, selten so schnell "abgeschaltet" wie hier. Ich bin ja der Meinung so etwas sollte von der Krankenkasse unterstützt werden...

Zwar trübte der nächste Tag etwas die erste Euphorie, als, auf dem Landeplatz stehend und auf den Shuttle-Bus wartend, bei komplett bedecktem Himmel, ganz zaghaft die ersten Regentropfen fielen. Andere Piloten schreckte das zwar nicht ab, auch in den Regenlücken den einen oder anderen Abgleiter zu machen oder eine lange Wanderung im Monte Grappa Massiv zu unternehmen, der Großteil igelte sich jedoch in den warmen und gemütlichen Unterkünften ein. Schließlich war die Wetterprognose nicht so schlecht für die kommende Woche, da tat auch ein Tag "Füße hochlegen" ganz gut.

Bereits der Montag ermöglichte wieder fliegerische Aktivität. Zwar versprach der Morgen mit 7/8-8/8 Bewölkung und trüber Sicht keinen wirklich großartigen Tag, wodurch sich einige "Teilzeit-Teilnehmer" der Ausfahrt entschieden vorzeitig gen Heimat zu fahren. Womöglich eine falsche Entscheidung wie sich herausstellte, aber die Gruppe zeigte sich sehr verständnisvoll und einfühlsam: immer mal wieder fanden sich bei den in der Woche folgenden Einträgen von PCS'lern auf dem DHV-XC-server ein freundlicher Gruß an Patrick. Die Thermik war trotz bedecktem Himmel recht stark und ermöglichte trotz nicht sehr üppiger Arbeitshöhe ein paar ausgedehnte Streckenflüge. Meist wurden die Flüge allerdings wegen gefühllos gefrorener Finger abgebrochen und so ergab sich am Landeplatz ein recht amüsanter Anblick, als sich jeder zunächst mit schüttelnden Händen seiner Ausrüstung entledigte.

Auch das Frühstückswetter am Dienstag ließ den einen oder anderen an einem erfolgreichen Flugtag zweifeln und entschied sich stattdessen zu einem Venedig-Besuch. Die Sonne ließ sich noch immer recht selten blicken, die Einstrahlung genügte allerdings um diejenigen, die es besser wussten mit vielen Stunden Flug zu belohnen. Wie am Vortag mussten die Flüge lediglich wegen Kälte oder die Lust auf einen wunderbaren Cappuccino und ein wenig Antipasti unterbrochen werden.

Der Mittwoch versprach bereits seit längerem einer der besten Tage der Woche zu werden. Diesem Anspruch sollte er auch gerecht werden. Die Sonne strahlte bereits seit den frühen Morgenstunden herab und verhalf im Tagesverlauf zu recht ansprechender und verlässlicher Thermik. Diese nutzten viele um etwas über den bekannten "Tellerrand" hinauszufliegen. Die Einen suchten in niedriger Höhe die Felder nach Erdbeeren ab, fanden mitunter allerdings nur Schweineställe vor. Andere suchten nach der Brenta-Talquerung nach dem thermischen Wiedereinstieg, der beim Hinflug jedoch noch viel besser funktionierte als bei der Rückkehr. Noch andere schienen an diesem Tag medizinische Erprobungen zum schleichenden Erfrierungsprozess von Körperextremitäten durchzuführen, war doch der längste Flug an diesem Tag der von Lorenz mit sage und schreibe 5 Stunden 42 Minuten.

Der nächste Tag konnte die Ansprüche des Vortages nicht annähernd erfüllen. Zwar schien von der Früh weg auch stetig die Sonne, jedoch bereits der Temperatursensor des Busses bestätigte zunehmende Temperaturen je näher man dem Startplatz kam. Diese dicke Inversion hielt sich standhaft den ganzen Tag, die Thermik war stark zerrissen und die Basis ging nie über Startplatzhöhe hinaus. Als Segen erwies sich dies wohl für Lorenz, der nun endlich sein medizinisches Experiment weiterführen konnte. Zumindest sprechen die viereinhalb Stunden stark dafür. Die Thermik reichte zwar, um sich eine ganze Weile am Hang zu halten, für größere Vorhaben war sie allerdings zu unverlässlich und die Basishöhe nicht ausreichend. Sattgeflogen vom Vortag war dies allerdings für viele akzeptabel, genoss man doch die wärmenden Sonnenstrahlen am Landeplatz und das Dolce Vita im italienischen Spätwinter. Überschattet wurde der Tag leider von dem Unfall von Wolfgang, der allerdings am Ende doch noch relativ glimpflich vonstatten ging. Gute Besserung an dieser Stelle.

Der Freitag und offiziell letzte Tag der Ausfahrt versprach zwar nochmals ein wettertechnischer Höhepunkt zu werden, allerdings machte er es einem nicht so einfach. Starker überregionaler Wind und bockige Thermik machten es schwer, den Mittwoch zu übertrumpfen. Dennoch nutzen viele den letzten Tag nochmals um noch ein paar Stunden "Airtime" zu sammeln bevor es wieder auf die Nordalpenseite geht, die noch tief im Winterschlaf schlummert.

Den Kopf noch voll mit Erinnerungen und Bildern einer wunderbaren Fliegerwoche fahren am Samstag früh alle wieder gen Norden. Und das, obwohl der Tag durchaus fliegbar gewesen wäre, laut Prognose auch gar nicht mal so schlecht. Aber diese Tatsache allein ist Beweis genug, wie fliegerisch gut die Woche doch war; man war rundum zufrieden: 6 von 7 Tagen wurde geflogen, allein die vom PCS eingereichten Flüge im DHV-XC übersteigen die 40 Stunden-Marke (wenngleich Lorenz hier den Löwenanteil beigetragen hat), die "Dunkelziffer" wird aber bei weitem höher sein! Aber abgesehen von diesen zählbaren Fakten, was bleibt ist die Erinnerung an gutes Essen, neue Bekanntschaften, viel Zeit und wenig Gedanken an "das andere Leben". Beim letzten Cappuccino-Stopp vor der österreichischen Grenze denke ich mir: In Bassano war dieses Jahr alles wie dieser Cappuccino: würziges, geschmackvolles Fliegen eingebettet in den weichen Schaum der Gelassenheit und des Dolce Vita. Wann ist es das nächste Mal wieder soweit ? Man weiß es nicht genau, aber ich bin mir sicher, nicht mehr so lange und auch bei uns regt sich bald wieder der Aufwind aus dem die Träume sind...
Vielen Dank an Ewald und Tanja für die wieder mal exzellente Organisation der Ausfahrt!


Andreas

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